Tote Augenblicke
Tote Augenblicke
Das Schlimmste waren ihre Augen. Obwohl sie noch so jung war, starrten ihre Augen blicklos durch mich hindurch und sie schien mit sich selbst zu reden, als sie mir erzählte, dass sie sich umbringen will. Nein, eigentlich sagte sie, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie nicht mehr kann. Ich war wie paralysiert. Gefesselt und erschüttert von ihren rot geweinten, leblosen Augen. Einen Moment lang sah ich sie schweigend an. Einen Moment zu lange. Plötzlich sprang sie auf und rannte zur Tür. Ich bin ihr gefolgt, konnte sie jedoch nur noch in der Menschenmenge verschwinden sehen, die sich erbarmungslos und unaufhörlich in Richtung der Gleise drückte. Dann sah ich sie nie wieder...
Ich reiße mich zusammen, um mich auf den älteren Mann vor mir auf dem kalten Boden konzentrieren zu können. Es ist vier Jahre her, rufe ich mir ins Gedächtnis, da habe ich noch am Bahnhof Ost gearbeitet. Obwohl ich, wie so oft, versuche, nicht weiter an früher zu denken, fällt mir die junge Frau immer wieder ein. Der Mann, vor dem ich jetzt knie, hat ihre Augen. Oder sie seine. Was spielt das schon für eine Rolle? In das Gesicht des Bettlers vor mir passen die leblosen Augen. Zerfurchte Wangen werden halb bedeckt von einem ungepflegten Vollbart, die Nase ist überzogen von bläulich geplatzten Adern. Auch er sieht durch mich durch, als er von seiner Tochter erzählt, die ihn nie in seinem Quartier besucht, weil es ihr unangenehm ist. Das ist sie, die Essenz des Lebens derer, die hier am Stadtbahnhof und in seinem Dunstkreis leben: Einsamkeit und Isolation. Ich spreche dem alten Mann gut zu- was sagt man jemandem, der von der eigenen Familie verstoßen wurde? Mehr als etwas Trost kann man nicht geben. Doch als ich mich erhebe, um weiter meine Runde zu gehen, ist etwas mehr Leben in seinen Augen. Zumindest bilde ich mir das ein. Seufzend blicke ich auf meine Uhr. Es ist halb zwölf, ich werde eine kurze Pause machen. Ich krame eine Schachtel Zigaretten aus meiner Hosentasche, auch wenn hier drinnen Rauchverbot herrscht. Während ich so dastehe und rauche, eilen Menschen an mir vorbei in ihren regennassen Mänteln. Sie tragen Aktentaschen, ziehen Koffer oder Kinder hinter sich her. Eine Gruppe junger Junkies mit bleichen Kindergesichtern erbettelt sich etwas Kleingeld und ich hoffe, dass es reicht, denn sonst stehen sie heute Abend noch hier: Mädchen genau wie Jungen gehen dann mit den älteren, diskreten Herren in billige Hotelzimmer, um sich den täglichen Schuss doch noch leisten zu können. Ich werde nachher mit ihnen sprechen. Erneut. Und wie ich fürchte: erneut vergeblich. Einer der jungen Männer ist ab und zu bereit, mit mir zu reden. Er erzählt zitternd von den Freiern und den Drogen, abwechselnd von den beiden Themen, die sein Leben dominieren, aber er ist nicht bereit, sich helfen zu lassen. Noch nicht, wie ich hoffe. Manchmal hellt sich sein Blick in einem Anflug von Hoffnung auf und er fragt nach Nina, einer jungen Kollegin von mir. Er ist in sie verliebt, doch er wagt es nicht, sie anzusprechen, betrachtet sie nur aus der Ferne, als schäme er sich für sich selbst. Meistens, wenn er nach ihr fragt, hat sie gerade frei- vielleicht ist das Schicksal, ein gnädiges Schicksal, was ihn nicht desillusionieren will. Ich reiße mich vom Anblick der Junkies los und trete meine Zigarette aus.
Plötzlich höre ich schlurfende Schritte auf mich zukommen. Ich drehe mich um und sehe in dieselben leblosen Augen wie damals. Sie sind kalt. Starr. Zuerst denke ich, sie ist es. Sie lebt noch, es gibt eine zweite Chance, ihr zu helfen. Dann kommt sie unsicher taumelnd näher und ich erkenne, dass sie mir fremd ist. Ein neues Paar halbtoter Augen, ein neuer Mensch, der Hilfe sucht. Ich atme tief durch. Ich habe es mir selbst ausgesucht, ein Helfer zu sein. Ein Streetworker an einem Bahnhof. Gäbe es in Iserlohn eine Bahnhofsmission, dann wäre ich sicher dort angestellt, aber die gibt es hier nicht. Die Leute, die Hilfe suchen, wissen meist auch so, wo sie mich finden können. Manchmal ist es hart und ich fühle mich so voll von den Sorgen und Problemen all dieser Fremden, dass ich glaube, nichts als ein Behälter zu sein für das, was sie nicht ertragen können. Das junge, blonde Mädchen ist vor mir stehen geblieben und blickt mich erwartungsvoll an. Ich betrachte sie genauer. Ihr wirres Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden und ein schmutziges, weites T-Shirt versteckt einen zierlichen Körper, doch ich erkenne die leichte Wölbung ihres Bauches. Dieses Mädchen, was kaum gerade laufen kann, ist schwanger. „Mittlerweile sieht man’s!“, schluchzt sie, als sie meinen Blick bemerkt. Ich deute auf eine Bank neben einem Heiß-Getränke-Automaten und sie setzt sich. Ich bitte sie zu warten und ziehe einen Becher Tee aus dem Automaten, an dem sie kurz darauf ihre schlanken Hände wärmt. Sie trinkt nicht. Minutenlang starrt sie auf den Boden. Ich lasse sie in Ruhe. Manchmal hilft es, einfach nur nicht allein zu sein. Dann hebt sie plötzlich den Kopf. In ihren Augen glitzern Tränen. „Ich will nicht mehr leben.“ Der magische Satz. Ein Déjà-vu. Es ist genau wie damals. Mein Puls beschleunigt sich. Lass sie nicht gehen, sage ich mir. Egal was passiert, lass sie nicht auch in der Menge verschwinden. Ich ertappe mich dabei, wie mein Blick über die bedrohliche Menschenmasse wandert. „Ich möchte tot sein…“ Ihre heisere Stimme scheint den ganzen Bahnhof mit Trauer zu erfüllen. Was sagt man jemandem, der sich umbringen will? Nein, bring dich nicht um? Genau das will ich ihr entgegen schreien, aber es würde falsch, leer, fast zynisch klingen in einer Situation wie dieser, wenn ein Mensch das Sein, das Existieren ablehnt. „Warum?“, frage ich schließlich nur und meine Stimme ist nicht weniger heiser als ihre. Unsere Blicke treffen sich und treffen sich doch nicht. Sie hebt den Becher an den Mund, nur, um immer noch nicht zu trinken. Ich beobachte sie aufmerksam und bereit, jede wichtige Kleinigkeit, jede Bewegung wahrzunehmen. Und erst Recht muss ich bereit sein, einzugreifen, wenn sie aufspringt, um wegzulaufen. Ich versuche es erneut, frage sie noch mal, wieso sie sterben will und urplötzlich knallt sie mir einen ganzen Katalog von Gründen hin: Weil sie ungewollt schwanger geworden ist und es zu spät gemerkt hat, um abzutreiben. Weil ihre Eltern sie deshalb raus geschmissen haben und sie seitdem auf der Straße lebt. Weil ihr Freund sie dafür hasst und sie andauernd betrügt, nur um sie dann, wenn sie ihn verlässt, mit Gewalt zurück zu holen. Weil alles zum Kotzen ist, ihr dauernd der Bauch wehtut und weil sie kein Geld hat, um sich und das Baby über die Runden zu bringen. Sie knallt den Becher neben sich auf die Bank und heißer Tee schwappt über ihre bleiche Hand. Ihre Augen sprühen förmlich vor Sehnsucht nach einem Ende, einem Schlussstrich, nach Vernichtung. Aber was soll ich sagen? Wie soll ich ihr klar machen, dass es ihr nicht hilft, sich selbst zu vernichten- und das ungeborene Kind in ihrem Bauch? Tun Sie’s nicht? Es gibt immer eine Lösung? Ich schüttle den Kopf und atme tief durch. Situationen wie diese sind eindeutig die Schlimmsten. Schließlich sage ich ihr, dass vielleicht alles gar nicht so aussichtslos ist, wie es gerade scheint. Sie lacht humorlos und fragt, ob das mein Ernst sei. Ich erzähle ihr von einer guten Mutter-Kind-Einrichtung ganz in der Nähe. „Mein Freund würde den Laden abfackeln“, erwidert sie trocken: „Der würde euren ganzen tollen, neuen Bahnhof anzünden, wenn er wüsste, dass ich mich hier herum treibe.“ Sie spricht ruhig und sachlich. Ich erschrecke über ihre Abgeklärtheit, ein Massenphänomen in der Bahnhofshalbwelt. Wer die schmutzigen, kalten Seiten des Daseins kennt, verliert sich nicht mehr in Illusionen vom glücklichen Leben in einem Häuschen, fernab der lauten Innenstadt. Trotzig rede ich mir ein, dass es hier, bei ihr, noch nicht zu spät ist für ein besseres Leben. Ich sage ihr, dass es Menschen gibt, die ihr helfen können, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nachdenklich starrt sie in ihren unangerührten Tee. Dann leert sie ihn in einem Zug und steht auf. Sie müsse los, sagt sie, weil Christian sich sonst fragt, wo sie bleibt. Ich atme innerlich auf- das klingt zumindest nicht mehr so, als wolle sie ihrem Leben am liebsten sofort jetzt und hier ein Ende setzen.
Für den Rest des Tages kriege ich sie nicht aus meinem Kopf. Gegen Abend begleite ich eine Sehbehinderte zu ihrem Zug und ertappe mich, wie ich mich verstohlen nach der Schwangeren umsehe. Ich entdecke sie nirgends, weder bei den Junkies, noch bei den anderen Obdachlosen, noch zusammen mit ihrem pyromanischen Freund in irgendeiner düsteren Ecke.
Meine Arbeit führt mich am nächsten Morgen wie immer durch den Bahnhof. Morgens ist die Atmosphäre hier ganz anders als Abends. Hunderte von Menschen drängen sich zu den Gleisen, schlingen noch schnell ein Frühstück in einer der Bäckereien herunter oder kaufen sich fluchend eine Zeitschrift, weil sie den Zug verpasst haben und sich irgendwie die Zeit vertreiben müssen. Am Bahnhof herrscht eine Hektik wie kaum an einem anderen Ort um diese Uhrzeit. Ich nehme das ganze Schauspiel nur noch nebenbei wahr. Ich habe hauptsächlich Augen für das, was abseits all der Betriebsamkeit geschieht, sehe die Menschen, die den Bahnhof zu ihrem Zuhause und nicht nur zu einer Zwischenstation in ihrem Leben machen. Ich nicke einem mir bekannten Obdachlosen zu und er grüßt mich lächelnd zurück. Ich weise ihn kurz auf unsere neue, medizinische Anlaufstelle hin, aber er kennt sie bereits. Als ich um die Ecke biege, sehe ich eine zusammengekauerte Gestalt auf einer der Bänke liegen. Es ist die junge Schwangere. Behutsam, um sie nicht zu verschrecken, berühre ich ihre Schulter und wecke sie. Sie blickt mich aus einem ihrer großen, braunen Augen an, das andere ist zugeschwollen und blau. Als sie sich erhebt, entdecke ich unzählige weitere Blutergüsse. Ich sehe mich kurz um, dann nehme ich sie mit in ein kleines Café mit gemütlichen, beigen Sesseln. Sie ist durchgefroren, scheint die ganze Nacht draußen verbracht zu haben. Sie möchte nicht reden, weshalb ich ihr erneut einen Tee und einen Beutel Eis für ihr Auge hole. Die Kellnerin blickt mich ein bisschen seltsam an, als ich nach dem Eisbeutel frage, gibt ihn mir aber wortlos. Ich setze mich wieder zu dem Mädchen und warte darauf, dass sie von selbst etwas sagt. Ich ertappe mich dabei, wie ich immerzu auf ihren Bauch schaue. Sie bemerkt meine Blicke, sieht mich an und erklärt mit lebloser Stimme: „Den schütz’ ich immer vor ihm. Mit den Armen, wissen Sie?“ Sie zeigt mit ihre dünnen, mit blauen Flecken übersäten Arme und ich ahne, dass sie mit ‚den’ ihren Bauch meint, ihr Baby. Ich nicke etwas. „Das ist wohl das Beste. War das Ihr Freund? Hat er das getan?“ In meinem Beruf bin ich selten überfordert, aber bei diesem Mädchen bin ich es. Sie gibt mir Rätsel auf, weil sie nicht mit mir reden will und erinnert mich schmerzlich an das andere Mädchen, was ihr so ähnlich war, das Mädchen, was mittlerweile wahrscheinlich tot ist. Sie antwortet nicht. Ich bemerke, dass sie mich anstarrt. Ihr Blick durchbohrt mich fast, fleht: Hilf mir! Und doch kann ich nichts für sie tun, was sie zulassen würde. Ein Frauenhaus, irgendeine soziale Einrichtung kommt für sie nicht in Frage. Ich habe eine Idee. „Vielleicht bringen Sie Ihren Freund einmal mit. Wenn ich mit ihm rede, vielleicht-“ Ein kläglicher Versuch. Die junge Blondine erhebt sich wortlos. „Nein, nein! Warten Sie! Bitte…“ Sie setzt sich wieder. „Warten Sie…“ Ich bin aufgesprungen und habe die Hände gehoben. Eine hilflose Geste. Die anderen Café-Gäste sehen mich verdutzt an. Langsam setze ich mich auch wieder, blicke das Mädchen an. „Ich will tot sein…“ Ich schüttle heftig den Kopf und verbringe die nächsten Minuten damit, ihr die Vorzüge des Lebens aufzuzählen. Dann versuche ich ihr klar zu machen, dass sie die Verantwortung für ihr Kind hat und es ebenfalls töten würde. „Mein Kind hat keine Zukunft.“ „Das ist nicht wahr!“ „Doch, ist es.“ Ich werde mich nicht auf Diskussionen einlassen. Es scheint alles zwecklos, egal was ich sage, sie bleibt stur. Es hat eigentlich gar nicht mehr den Anschein, dass sie sich wirklich umbringen möchte. Vielmehr erwartet sie ein besseres Leben von mir, was ich ihr ohne ihre Mithilfe nicht geben kann. Ich kann sie nicht von ihrem prügelnden Freund befreien, ohne, dass sie mir seinen ganzen Namen nennt. Ich kann sie nicht zurück zu ihren Eltern bringen, wenn sie mir nicht verrät, wo sie wohnt. Ich kann ihr Baby nicht schützen, wenn sie jede Lösung ablehnt. Manchmal muss man Menschen am Rande des Abgrunds fallen lassen, damit sie sich fangen. Vielleicht ist das für sie der einzige Weg aus der Lethargie. Ich erhebe mich wortlos. Sie sieht mich perplex an. „W-was…?“ Ich bleibe hart: „Egal, wie groß Ihre Probleme sind- wer das Leben seines Kindes beenden will, der ist es nicht wert, dass ich ihm helfe. Sie können mich ansprechen, wenn Sie Ihre Meinung geändert haben! Wir sind Streetworker, wir helfen bedürftigen Menschen, Opfern und keinen Tätern!“ Sie schluckt sichtbar und für einen Moment habe ich das Gefühl, dass sie mich wie ein trotziges Kind einfach weiter anstarren wird, bis ich mich wieder setze und tue, was sie von mir erwartet. Doch dann steht sie plötzlich auf, sieht mich einen Moment überrascht und hasserfüllt zugleich an, bevor sie nach draußen stürmt und die Tür des Cafés hinter sich zuknallt. Ich werfe der Kellnerin einen entschuldigenden Blick zu, dann setze ich mich wieder. Die anderen Gäste sehen mich noch immer an, aber ich bin mit den Gedanken woanders. Was ist, wenn mein Gefühl mich getäuscht hat und sie sich jetzt umbringt? Ist es nicht falsch, Menschen fallen zu lassen, die herkommen, weil sie Hilfe erwarten? Ich schüttle den Gedanken ab. Irgendwie habe ich das Gefühl, das Richtige getan zu haben- auch wenn ich das junge Mädchen dafür eine Kindsmörderin nennen musste.
Am nächsten Tag entdecke ich die junge Frau nirgends. Ich drehe meine übliche Runde: durch den Eingang, über dem in großen, weißen Lettern ‚Stadtbahnhof’ steht. Die Türen schwingen lautlos auf. Auf der einen Tür steht VHS, auf der anderen sind kleine weiße Kästchen angebracht, damit niemand gegen die stets polierten Türen läuft. Ich quetsche mich zwischen all den Reisenden her, zwischen den Besuchern vor der Treppe des bunten Volkshochschulgebäudes, vorbei an den DB-Schaltern und den kleinen Kiosken und Bäckern. Ich wandle zwischen den Obdachlosen und Junkies her. Sieht einer aus, als hätte er große Probleme, spreche ich ihn an. Ansonsten bleibe ich eher unsichtbar. Im Hintergrund. Wenn sie Hilfe brauchen, sprechen sie mich an. Dränge ich mich zu sehr auf, fühlen sie sich kontrolliert und gehen auf Distanz.
Als sie sich die ganze restliche Woche über nicht blicken lässt, beginne ich allmählich, mir Sorgen zu machen. Auch nach Feierabend durchstreife ich den Bahnhof. Nichts. Ich rede mir ein, dass es ihr gut geht, aber wirklich beruhigen kann ich mich damit nicht.
Nach einer Woche ohne jede Spur von ihr beginne ich, die Obdachlosen nach der schwangeren Blondine zu fragen. Keiner von ihnen hat sie gesehen. Ninas junger Junkie-Verehrer kontert mit einer Gegenfrage nach ihr. Ich frage am Stadtinformationsschalter, schließlich selbst die Reisenden. Meine Kollegen beginnen, sich Gedanken zu machen. Sie ahnen nicht, wie es damals war, dem anderen Mädchen nicht helfen zu können. Wie dicht ich davor stand, meinen ganzen Job als Sozialarbeiter hinzuschmeißen und mir eine andere Tätigkeit zu suchen, etwas ohne Menschen, für die man sich verantwortlich fühlt. Doch diesmal ist es sogar fast noch schlimmer: Als hätte ich ein Konto, was sich mit Selbstmördern auffüllt, denen ich nicht helfen konnte.
Nach drei Wochen gibt es immer noch nichts Neues. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, das Richtige getan zu haben, indem ich sie fallen ließ. Ich sehe sie vor mir, mit aufgeschlitzten Handgelenken in einer Badewanne, das Wasser rot gefärbt von Blut oder mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden liegend, die Tablettenschachtel noch in der Hand. In jeder meiner düsteren Visionen starren ihre weit aufgerissenen Augen leblos ins Leere, plötzlich so tot, dass mir klar wird, dass bei unserem Gespräch doch noch ein Funken Leben darin war.
An einem Dienstagabend verlasse ich den Bahnhof, um nach Hause zu gehen. Der Regen, der aufs Dach der Bahnhofshalle prasselt, passt zu meiner Stimmung. Bedrohlich hängen dicke Wolken tief über dem Bahnhofsgelände, der Himmel beginnt sich bereits schwarz zu färben. Als ich nach draußen auf den neuen Bahnhofsvorplatz trete, atme ich schwüle Gewitterluft ein. Ein paar verirrte Tauben flattern träge über den Kreisverkehr hinweg. Ich bleibe in der Glastür stehen und lasse den melancholischen Augenblick auf mich wirken, als der erste Donner weit hinter der Innenstadt zu grollen beginnt. „’Tschuldigung, könnte ich-“ Ich sehe auf und erstarre, als ich die junge, blonde Frau mit dem Kinderwagen erblicke, die an mir vorbei die Bahnhofshalle betreten will. Ihre großen, braunen Augen erkenne ich sofort. Auch sie scheint mich zu erkennen. Ich brauche einen Moment, bis ich die Situation verstehe: Sie ist es. Sie hat sich und ihr Baby nicht getötet! Ein verlegenes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht- ein Ausdruck, den ich bei ihr noch nie gesehen habe. Ich erwidere das Lächeln. Vielleicht habe ich doch keinen Mist gebaut, als ich sie weggeschickt habe. „Tja, also… mein Zug nach Hagen geht in fünf Minuten und den sollte ich kriegen, weil ich… dorthin ziehe.“ Sie sieht auf den Säugling in ihrem Kinderwagen. „Ich meine, wir ziehen dorthin.“ Ich nicke und suche die richtigen Worte. Die ersten Blitze zucken vom Himmel. Schnell lasse ich sie herein. Die blauen Flecken sind verschwunden, genau wie die Leere in ihren Augen. „Danke. Für alles.“ Sie lächelt und verschwindet in der Menge. Ich hebe zum Abschied die Hand. Dann trete ich erneut hinaus in den Regen. Mein Herz rast. Ich atme tief durch. Der düstere Tag erscheint mir plötzlich etwas heller. Und plötzlich weiß ich wieder, wieso ich ein Helfer geworden bin.






