Andreas Teichmann. Durch Deutschland
Zwei Wanderungen in 101 Tagen

In 101 Tagen ist der Fotograf Andreas Teichmann zweimal quer durch Deutschland gewandert. Unterwegs von Aachen nach Zittau und von Oberstdorf nach Sylt hat er seine Begegnungen unmittelbar mit einer Großbildkamera dokumentiert. „Ich habe mit meinen Aufnahmen einen Rahmen geschaffen, den die jeweiligen Menschen und Orte bespielen konnten“, erläutert Teichmann die Vorgehensweise. Seine visuellen Entdeckungen spiegeln den langsamen Bewegungsrhythmus des täglichen Gehens. Er nähert sich allem Unbekannten, oft Unerwarteten auf Augenhöhe. Heimat neu gesehen.

Auf meinen Wanderungen lernte ich, wie vielseitig unser Land ist und wie natürlich schön. Und gebe die Empfehlung zum Nachmachen.
„Typisch deutsch“, das gibt es vielleicht gar nicht. Auf meinen beiden Reisen von West nach Ost und von Süd nach Nord bin ich durch vielseitige Kultur- und Sprachräume gewandert. Wie unterschiedlich wir sprechen, wie manchmal schon zwischen zwei Orten die Mundart der Leute wechselt. Dort, wo die Grenze zwischen Ulm und Neu-Ulm verschwimmt, machte ich einmal den Fehler, Schwaben als Bayern zu bezeichnen. Für die Menschen durchaus eine ernste Sache! Aber ich lernte ja dazu!
Deutschland besser verstehen. Bevor ich zweimal auf Tour ging, den Rucksack packte und für fast 15 Wochen aus dem gewohnten Leben ausstieg, meinen Alltag nun auf Wanderpfaden verbrachte, war das mein Ziel. Erlebt habe ich ein wunderbar buntes und vielfältiges Land. Besonders die Herzlichkeit der Menschen auf den Dörfern wärmte. Obwohl ich keinen Alkohol trinken wollte, zählen meine Reisebilanzen einige spontane Schnäpse mit Frauen und Männern, die mich an Wegesrändern, in Scheunen und Schuppen auf einen Kornbrand oder Likör einluden. Es entstanden Momente, die sich bei mir eingebrannt haben.

 

101 Tage war ich insgesamt auf Reisen – geblieben sind Hunderte Begegnungen, Tausende Bilder, Erinnerungen an das kurzweilige Eintauchen in neue Lebenswelten. Ich erlebte und fotografierte knorrige und gleichzeitig extrem liebenswürdige Wirtinnen und schweigsame Pferdeliebhaber, traf alte Freunde und lachte mit unbekannten Mitmenschen, die alsbald Bekannte wurden.
Die überraschendste Lehre meiner Wanderungen hatte aber nichts mit zufälligen Begegnungen zu tun. Es ist die atemberaubende Schönheit des Landes, die ich intensiver erblickte als jemals zuvor aus Auto- oder Zugfenstern. Als Kind des Ruhrgebiets, das dort aufwuchs und später eine Familie gründete, zwischen alten Zechen und viel Beton, hatte ich wohl nie erwartet, dass Deutschland so weitläufig grün ist.
Später erfuhr ich, dass Deutschland zu etwa 17 Prozent mit Straßen, Städten und Industrieflächen erschlossen ist. Der Rest sind Felder, Seen, Wiesen und Wälder, zwischen denen ein paar Dörfer auf kargen Landstrichen gesprenkelt sind. Allein diese Erkenntnis war die Strapazen beider Reisen wert. Diese Schönheit sollten wir erhalten. Sie erscheint mir nicht selbstverständlich. Deutschland zwischen den Grenzen – es hat sich gelohnt. Es hat mich klüger und dankbarer gemacht.

Fakten zur Ausstellung, Tour und Person:

In der Städtischen Galerie Iserlohn werden 40 Großformatige Bilder gezeigt. Zu vielen der Motive können sich die Besucher mittels eines QR-Codes die Gespräche mit den Portraitierten auf dem eigenen Mobiltelefon anhören. Zur Ausstellung erscheint ein Buch mit Bildern und Texten über die beiden Wanderungen.

Dauer der Ausstellung 26.02 - 17.04.2022

Projektwebsite: https://www.durchdeutschland.eu/
Wanderblog: http://www.50days.de

1. Wanderung, 06.08. – 24.09.2017: 50 Tage von Aachen nach Zittau
2. Wanderung, 05.08. – 24.09.2019: 51 Tage von Oberstdorf nach Sylt

Andreas Teichmann (*1970) lebt mit seiner Familie in Essen.
Er hat an der Folkwang Universität der Künste studiert und ist seit 1994 als selbstständiger Fotograf tätig. Mit Leidenschaft und Nachhaltigkeit arbeitet er an Projekten, die den Menschen und seine Umwelt untersuchen.

In einem kleinen Youtube-Film erzählt Andreas Teichmann über sein Projekt. Zum Video hier...