Stadtmuseum Iserlohn

Objekt-Archiv

Objekt des Monats August

Nadelmappe von Prym

Seit 1695 werden in Iserlohn Nähnadeln produziert. Früh spezialisierten sich die immer zahlreicher werdenden Nadelfabrikanten auf die sogenannte billige Massenware, die sogar bis nach China exportiert wurde. Dabei stand die Region Iserlohn mit den weiteren Nadelproduktionen in Menden und Altena in ständiger Konkurrenz zu den Nadelzentren im Rheinland und um Nürnberg. Die Firma Prym aus Stolberg kaufte im 20. Jahrhundert mehrere Iserlohner Betriebe auf. Sie verstand sich nicht nur auf die Produktion besserer Qualitäten, sondern auch auf den Geschmack ihrer Kundinnen. Die schlichten Nadelsortimentsverpackungen, die der „Hausmutter“ in ihrem „Nadelheim“ über Jahrzehnte „mehr Freude beim Nähen“ versprochen hatten, wurden zu farbenfrohen Werbeträgern. Sie verkauften nicht nur die Nadeln, sondern auch ein Lebensgefühl und ein Rollenbild – und sind deshalb für die Kulturgeschichte von besonderem Interesse.

Ein Prym-Nadelheft aus den 1950er Jahren wirbt für etwas Besonderes: den Druckknopf! Aus den stickenden Muttis im Dirndl und den grauhaarigen Omis im Schaukelstuhl werden moderne, modebewusste Damen. „Frauchen“ ist man nur noch für den Modehund, nicht mehr für den Ehegatten. Die Frauen demonstrieren nicht nur Modebewusstsein, sondern auch Kaufkraft im Jahrzehnt des Wirtschaftswunders. Diese Dynamik macht sich Prym mit seinem Nadelheft zu Nutze, indem er die Frauen vor einem Schaufenster mit Prym-Nadeln zeigt. Die Botschaft: Selbst bei so etwas einfachem wie Nadeln und Knöpfe sind Qualität, Trendgespür und technische Innovation gefragt. Innen gefüllt mit 2 Einzelsortimenten und einem Einfädler passt die ansprechende Nadelmappe in jede Handtasche.

In den 1960er Jahren änderten sich Musikgeschmack, Mode und Gesellschaft – und die Nadelbranche zog mit. Sie verstand sich als Teil der Modeindustrie und passte daher auch das „Design“ der Verpackungen an. Das Design der „Frauchen“-Mappe wird von einem „bekannten Grafiker“ radikal geändert. Auf schwarzem Grund, im Pop-Art-Look, wird aus dem Scotch-Terrier ein weißer Pudel und drei junge Schönheiten, die modisch-selbstbewusste Töchtergeneration der Prym-Ladies der 1950er, verlassen ein Prym-Kurzwaren-Geschäft. Ein beigelegter Zettel klärt auf: „‘Alles für Frauchen‘ im neuen Kleid. Die Zeiten ändern sich, – die Mode auch. Deshalb hielten wir es für erforderlich, die bewährte Nadelmappe (…) zu modernisieren (…).“ So ganz ohne Kommentar wagte Prym die Veränderung nicht und hoffte, dass sie dennoch gefällt.

Viele weitere Nadelmappen aus unserer umfangreichen Sammlung sind im Stadtmuseum Iserlohn und im Nadelmuseum ausgestellt.

Objekt des Monats Juli

Iserlohner Tabaksdose zum Sieg von Minden (Siebenjähriger Krieg, 1.8.1759)

Iserlohn ist aufgrund des reichen Galmei-Vorkommens seit dem 17. Jahrhundert bekannt für die Produktion von Messing. Von besonderer Bedeutung sind dabei die im 18. Jahrhundert hergestellten Messing-Tabaksdosen aus den Werkstätten der Iserlohner Dosenfabrikanten. Sie werden bis heute in Museen in aller Welt ausgestellt und sind bei Sammlern beliebt.

Der Deckel der von Johann Adolph Keppelmann geprägten Tabaksdose stellt eine Verherrlichung der Schlacht bei Minden dar (Siebenjähriger Krieg, 1.8.1759). Links und rechts wird die symbolische Schlachtszene vor dem Stadtpanorama flankiert von zwei Medaillons. Das eine zeigt Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel, Befehlshaber der Koalition aus Großbritannien, Preußen, Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover) und Hessen-Kassel. Das andere zeigt den Maréchal de France de Contades, Befehlshaber des französisch-sächsischen Herres. In der Schlacht von Minden war er der unterlegene Gegner von Prinz Ferdinand.

Die Szene, die den Boden der Tabaksdose verziert, ist reich an allegorischen Anspielungen, die oberflächlich lediglich die Themen „Lust“, „Verführung“ und „Versuchung“ thematisieren. Den gebildeten Zeitgenossen des preußischen Herrschers - und an die Gebildeten und Wohlhabenden richteten sich die Tabaksdosen-Fabrikanten mit ihren Produkten - dürfte aber eine ganz andere Botschaft ins Auge gesprungen sein.

Im Zentrum des perspektivisch dargestellten Innenraumes eines Gebäudes mit eindeutig herrschaftlichen Attributen (Säulen, breite Treppen, Prunk und Stuck) steht die Göttin Pallas Athene (griechisch) bzw. Minerva (römisch), zu identifizieren an den Insignien des Helms und der Standarte. Als Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes symbolisiert sie nicht nur den Sieg der Tugend über die Versuchung, sondern auch die Zuversicht, dass im aktuellen Krieg Friedrich II ein finaler Sieg gegen seine Gegner bevorsteht. Betont wird dies durch die Bildkomposition: Die Göttin wendet sich dem zentralen Fluchtpunkt der perspektivischen Darstellung zu, einem Durchgang, der zu einem Triumpftor führt. Das kleine Teufelchen, Inbegriff der Untugend und des Zweifels, gerät angesichts der Wucht der Siegessymbolik zur Nebensache.

Der niederdeutsche Text unter der Szene ist vordergründig ein Appell an den Betrachter des Bildes: SOL DIR DIE KRONE DER ERDEN ZIEREN SO LASSE DIE DUGENT VYRREN (Soll dich die Krone der Erde zieren, so lass die Tugend führen).

Zur Repräsentation Friedrich II gehörte, wie die neuere Forschung herausstellt, wesentlich seine Selbstinszenierung als Inbegriff der Tugendhaftigkeit. Der Text dient vor diesem Hintergrund auch als konkrete Affirmation: Die Krone der Erden wird am Ende Friedrich II, König der Preußen, zieren.
Übrigens: Zu den persönlichen Vorlieben Friedrich des Großen gehörte laut seiner Schatullrechnungen das Sammeln von Tabaksdosen. Nicht auszuschließen, dass er die hier vorgestellte Dose besaß und Gefallen an seiner Verherrlichung fand.

Die hier vorgestellte und viele weitere sehenswerte Tabaksdosen des 18. Jahrhunderts sind zu besichtigen in der Dauerausstellung des Stadtmuseums Iserlohn.

Objekt des Monats Juni

Die Zähne des Megalodon

Drei große und zwei kleinere Zähne des Megalodon (Otodus megalodon oder Megaselachus megalodon), einer ausgestorbenen Haiart aus der Familie der Otodontidae, befinden sich im Gewölbe des Stadtmuseums. Sie stammen aus dem Miozän / Pleistozän und haben ein Alter von rund 3–7 Millionen Jahren. Gefunden wurden sie am Morgen River, South Carolina, USA.

Haie gehören aufgrund ihrer Erscheinungsform zu den am meisten gefürchteten Lebewesen, was nicht zuletzt auf ihre große Präsenz in der Popkultur zurückzuführen ist. Neben dem legendären „Weißen Hai“ hat es auch der Megalodon als angeblich ganze Schiffe verschlingender Leviathan aus dem Abyss zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Von dieser Haiart wurden nur wenige Knochen, dafür aber riesige dreieckige Zähne von bis zu 18 cm Länge gefunden. Der Megalodon hatte in seinem Zahnkreis zirka 50 Zähne zur Nahrungszerkleinerung zur Verfügung, die jeweils sieben Mal besetzt waren. Fiel ein Zahn aus der ersten Reihe aus, konnte das „Revolvergebiss“ sofort einen neuen Zahn in die Lücke schieben.

Diese Funde lassen darauf schließen, dass die männlichen Tiere bis zu 14 Meter lang wurden und Weibchen sogar eine Körperlänge von 18 Metern erreichten – bei einem Gewicht von bis zu 50 Tonnen. Zum Vergleich: Der weiße Hai wird nur bis zu sechs Meter lang.

Objekt des Monats Mai

Carl August Michael Schuchart

Das erstochene Gemälde

Historische Gemälde sind für uns heute ein Fenster in die Vergangenheit - sie stellen historische Persönlichkeiten vor und erzählen Geschichten. Manche Gemälde erleben sogar selbst Geschichte, wie das Objekt des Monats Mai: Das Gemälde, das erstochen wurde.

Das Porträt zeigt den Iserlohner Justizkommissar (Rechtsanwalt) und Stadtsyndikus Carl August Michael Schuchart (1806-1869), eine der zentralen Figuren der Iserlohner Revolution von 1848/49. Ziel der sogenannten "Märzrevolution" war eine Demokratisierung des Staatswesens und eine einheitliche Verfassung für einen bis dahin noch nicht bestehenden deutschen Staat. Schuchart vertrat politisch eine gemäßigte Position, er forderte die demokratische Mitbestimmung der Bürger in einer konstitutionellen Monarchie. 1848 gründete er in Iserlohn den "Politischen Club" und war Vertreter Iserlohns im Frankfurter Vorparlament, das eine Verfassung ausarbeiten sollte. Als es am 10. Mai 1849 - auch aufgrund der großen sozialen Unzufriedenheit - zum Sturm auf das Iserlohner Zeughaus kam, versuchte Schuchart mit einer Delegation in Münster zwischen den Aufständischen und der Obrigkeit zu vermitteln. Leider vergeblich, denn am Himmelfahrtstag 1849, dem 17. Mai, nahmen preußische Soldaten die Stadt ein und schlugen den Aufstand blutig nieder. Auf der Suche nach Schuchart, dem angeblichen Rädelsführer der Revolution, stürmten sie sein verwaistes Wohnhaus, zerschlugen Mobiliar und Porzellan und warfen einen Flügel aus dem Fenster. Zuletzt holten sie das Porträt des Hausherrn von der Wand, spießten es auf ein Bajonett und trugen es johlend durch die Straßen der Stadt - zahlreiche AugenzeugInnen berichteten entsetzt von diesem Schauspiel. Wenngleich die Soldaten also den Mann selbst nicht ergreifen konnten, so hatten sie doch zumindest stellvertretend sein Porträt "aufgeknüpft" und ihn dadurch öffentlich und symbolisch gedemütigt. Das Gemälde hat diese Strafaktion erstaunlich gut überstanden und wurde anschließend wieder geflickt. Der senkrechte Riss, der Schucharts Gesicht wie eine Narbe durchzieht, ist noch bis heute deutlich zu erkennen.

Das Gemälde wurde 2018 dem Stadtmuseum Iserlohn von den Nachfahren Schucharts als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt und ist in der Dauerausstellung zur Revolution von 1848/49 zu sehen. Es hängt nun in jenem Gebäude, dessen Erstürmung 1849 den Racheakt der preußischen Soldaten erst ausgelöst hatte, und in dem Schuchart nach der Revolution mehrere Monate gefangen gehalten wurde.

Objekt der Woche (07.05.-13.05.2020)

Barttasse

Die Barttasse

Zum letzten Mal präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle ein Objekt der Woche - denn die Museen dürfen wieder öffnen. Jedoch haben wir noch viele spannende Objekte in unserem Depot, über die es sich zu erzählen lohnt. Daher wird die Reihe als "Objekt des Monats" fortgeführt. Das letzte Objekt der Woche ist ein Objekt aus dem Museum Haus Letmathe.


Eine Barttasse ist - wie der Name verrät - ein Trinkgefäß für Männer mit Bart.  
Barttassen sind an der Stelle, an der ein Mund zum Trinken ansetzt, mit einem waagerechten Steg ausgestattet, welcher die Flüssigkeit beim Trinken so lenkt, dass die sogenannte Bartwichse, welche im 19. Jahrhundert zur Modellierung von Bärten und Schnäuzern verwendet wurde, vor der Nässe geschützt wird.

Die erste bekannte Barttasse, damals "Moustache Cup" genannt, geht zurück auf den damals gerade 25 Jahre alten englischen Töpfer Harvey Adams aus Longton, Großbritannien, der im Jahr 1860 diese skurrile Erfindung machte. Seine Porzellanfabrik hatte mit dieser Innovation so großen Erfolg, dass zahlreiche Töpfereien weltweit diese Barttassen nach seinem Vorbild herstellten. Von 1860 bis ca. 1920 wurden sie vertrieben und im englischen, französischen, deutschen und nordamerikanischen Kulturraum gerne genutzt. Erst als sich die Bartmode nach dem Ersten Weltkrieg wieder änderte, verschwand auch der Bedarf an bartschonenden Tassen.

Barttassen waren zumeist Luxusgegenstände, die über den üblichen Bedarf eines Mannes hinausgingen. Sie wurden, in der Regel, aus Porzellan von renommierten Herstellern u. a. aus Derby, Meißen, Limoges oder Imari produziert und teilweise vergoldet. Heute sind diese Tassen begehrte Sammlerstücke.

Objekt der Woche (30.04.-06.05.2020)

Der erste Fernseher Iserlohns von 1953

Das Medienzeitalter des Fernsehens begann in Iserlohn am 20. Januar 1953. Die Westfälische Rundschau kündigte an, dass Heinrich Wiesinger, Inhaber des "Spiegelsalons" im Schützenhof 8, in seiner Gastwirtschaft einen ersten privaten Fernsehapparat installiert habe, zur Freude der Bevölkerung. Das benachbarte Radiogeschäft von Alfred Fitzke, Schützenhof 4, hatte das wertvolle Stück geliefert und installiert. Einige Tage zuvor war bereits bei Kriependorf & Wedel, dem anderen bekannten Iserlohner Radiogeschäft, ein Fernseher im Schaufenster installiert worden. Dieses "Ferntonkino" zog große Trauben von Schaulustigen an, die auf dem Trottoir vor dem Laden bei Wind und Regen aushielten, um dem Programm zu folgen. Immerhin war man damit in Iserlohn technisch in vorderster Reihe, denn 1952 gab es bundesweit lediglich 300 registrierte Fernsehteilnehmer. 1955 waren es bereits 100.000 und 1957 überschritt die Anzahl die Millionengrenze.

Die im Spiegelsalon aufgestellte hölzerne "Philips-Projektionstruhe" hatte eine Höhe von 102 cm, eine Breite von 78,5 cm und eine Tiefe von 48,5 cm. Die stark gerundete und gewölbte Bildröhre wies die bescheidenen Maße von 45 x 34 cm auf. An vier Drehreglern mit Doppelfunktion und einem Schieberegler konnten Sender und Ton mittels eines Testbildes optimal eingestellt werden. Zwischen den Programmen umzuschalten war, vor dem Apparat kniend, immer mit größerem Aufwand verbunden - aber es gab ja anfangs auch nur einen, später drei öffentlich-rechtliche Sender. Ab 20 Uhr war die geneigte Besucherschar eingeladen, vor der Röhre Platz zu nehmen und dem Programm zu folgen.
"Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Kind vor der Fernsehkiste versammelt sind." So formuliert die Westfälische Rundschau 1953 in Anspielung auf das Gedicht "Das Gewitter" von Gustav Schwab ("Urahne, Großmutter, Mutter und Kind, in dumpfer Stube beisammen sind ...").

Die Fußballweltmeisterschaft von 1954, bei der Deutschland erstmals Weltmeister wurde, gab der Verbreitung der damals noch sehr großen, teuren und anfälligen Geräte einen gewaltigen Aufschub. Weit vor der Erfindung des Public Viewing standen Trauben von Menschen vor den Bildschirmen in Gaststätten und Wohnungen und bejubelten die Tore ihrer Helden. Heute ist das Fernsehen zum Taschenformat geworden: Per App und Mediathek lässt sich das Programm jederzeit auf dem Smartphone ansehen. Das sperrige Röhrengerät ist museal geworden - und steht daher seit einigen Jahren im Obergeschoss des Stadtmuseums.

Objekt der Woche (23.04.-29.04.2020)

Chinesische Schablone

Die weltweite Corona-Pandemie dieser Tage ist auch ein Resultat der dichten wirtschaftlichen Verflechtung unterschiedlicher Länder und Regionen. Zum Schutz der Bevölkerung liegt diese Wirtschaft nun überall lahm, Liefer- und Produktionsketten sind unterbrochen. Die Anfälligkeit unserer modernen, globalisierten Welt wird erstmals augenscheinlich und gilt als neues Phänomen im Seuchenschutz. Wirtschaftliche Verflechtungen sind aber keine Erfindung der Neuzeit: Bereits die Pest im Mittelalter wurde über Handelsrouten und Schiffe aus Asien nach Europa eingeschleppt - in der Folge brach auch das mittelalterliche Wirtschaftsleben fast vollständig zusammen. Selbst der intensive Handel mit China ist keine Entwicklung der jüngeren Jahre, wie das Objekt dieser Woche belegt.

Die chinesische Schrifttafel, ausgestellt im Nadelmuseum in der Historischen Fabrikanlage Maste-Barendorf, war ein wichtiges Hilfsmittel im Handel der Iserlohner Nähnadelfabrikation mit dem Reich der Mitte. Die Zeichen sind eine Lieferanschrift und die Tafel diente als Schablone, um die Verpackungen bereits in Iserlohn richtig beschriften zu können. Ziel der Lieferung war die Stadt Hankou - heute ein Teil der mittlerweile weltberühmten chinesischen Stadt Wuhan. Unter Kaiser Xiangfeng (1831-1861) öffnete sich das Land für den Handel mit Europa und den USA, in Hankou entstanden 1861 Dependancen europäischer Handelshäuser. Diese organisierten die Einfuhr von Industrieprodukten, Metallen und Schafswolle nach China und den Verkauf in den dortigen Provinzen. Über die Handelshäuser exportierte China im Gegenzug Tee, Tabak, Zucker, Papier, Porzellan und Bambusmatten nach Europa und Amerika.

Unter den Industrieprodukten waren auch Nähnadeln, deren großer Bedarf in China aus England und eben Iserlohn gedeckt wurde. Problematisch war, dass die Nadeln in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht aus rostfreiem Stahl produziert werden konnten und im feuchten chinesischen Klima schnell korrodierten. Auch auf dem langen Transport per Schiff, ab 1869 in kürzerer Route durch den Suezkanal, konnten die Lieferungen leicht beschädigt werden. Im Geheimen Preußischen Staatsarchiv liegen Akten aus den Jahren 1884, 1888 und 1892 mit Klagen der Handelspartner bzw. des Deutschen Konsulats in Tianjin über die Lieferung rostiger Nähnadeln aus Iserlohn und die „anhaltend schlechte Verpackung“. Am 12. Januar 1886 ging ein Schiff auf dem Weg nach Hankou, die Feronia, im Sturm in der Nordsee unter. Geladen waren unter anderem etwa hundert Millionen Nadeln aus Iserlohn, die in Iserlohn in wenigen Wochen nachproduziert werden mussten.

Die Handelshäuser in der Region Wuhan blieben ununterbrochen bis 1930 geöffnet. Dann setzten der Chinesische Bürgerkrieg und die kommunistische Besetzung der Stadt den Handelsbeziehungen vorerst ein Ende.

Objekt der Woche (16.04.-23.04.2020)

Flohfalle

Wie wichtig eine gute Hygiene für die Abwehr von ansteckenden Krankheiten ist, erfahren wir dieser Tage wieder sehr deutlich. Selbst heute können wir die Übertragungswege von Viren nicht bis ins Detail nachvollziehen. Umso hilfloser standen die Menschen den Krankheiten im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gegenüber. Die Mittel gegen Seuchen waren häufig von Aberglauben geprägt, aber so manches Produkt half tatsächlich der Körperhygiene.

Im Besitz des Stadtmuseums Iserlohn befindet sich so ein Hygiene-Produkt aus dem späten 18. Jahrhundert, das gleichzeitig ein Luxusgut und ein modisches Accessoire war: Eine aus Wurzelholz gedrechselte Flohfalle. Das eiförmige Objekt wurde vom Barock bis zum Biedermeier (ca. 1600 bis 1850) benutzt, um sich vor lästigem Ungeziefer zu schützen. Dabei war der Schutz vor ansteckenden Krankheiten nicht die eigentliche Intention: Flohbisse waren lästig, juckten und hinterließen hässliche Flecken. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnte nachgewiesen werden, dass Flöhe gefährliche Krankheiten wie Streptokokken, das Fleckfieber oder sogar die Pest übertragen.

In der Frühen Neuzeit waren in den obersten Gesellschaftsschichten ausladende Kleider, Perücken und der intensive Konsum von Parfüm modern, daher wurden die reichen Damen und Herren immer wieder von Flöhen geplagt. Die Flohfalle, kunstvoll in die Frisur eingewoben oder neckisch im Dekolleté versteckt, schützte vor Bissen. Das hölzerne Ei lässt sich in der Mitte aufschrauben und befüllen. Entweder nahm man dafür Honig, an dem die angelockten Flöhe kleben blieben oder in Tierblut getränkte Watte. Bei dieser Vorgehensweise saugten sich die Flöhe mit dem Tierblut voll und waren anschließend zu groß, um die Falle wieder zu verlassen. Auch Läuse und Wanzen wurden auf diese Art mit den Floheiern gefangen.

Das Objekt wurde dem Museum 1990 als sogenanntes "Fadenei" zum Kauf angeboten. Fadeneier wurden im 19. Jahrhundert in der Nadelherstellung verwendet. Der später maschinell zu Nadeln verarbeitete Draht wurde durch ein mit Wachs gefülltes Ei gezogen, wodurch der "Faden" mehr Festigkeit erlangte. Aufgrund des Materials und der feinen Drechsel-Arbeiten des Objekts kann es sich dabei nicht um ein Hilfsmittel der industriellen Fertigung handeln. Stattdessen ist davon auszugehen, dass das Ei als Flohfalle um 1800 gefertigt wurde und im Besitz einer wohlhabenden Familie war.

Objekt der Woche (09.04.-16.04.2020)

Das Bild zeigt versteinerte Dinosaurier-Eier

Das Dinosaurier-Ei

Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Blickt man in der Geschichte der Erde weit bis vor die Zeit der ersten Menschen zurück, ist die Frage leicht zu beantworten: Zuerst waren die Dinosaurier-Eier da! Millionen Jahre bevor die erste Henne gackerte, schlüpften bereits Dinosaurier aus Eiern, denn die Reptilien und unsere heutigen Vögel haben gemeinsame Vorfahren. Doch obwohl Dinosaurier zu den größten Erdenbewohnern zählten, waren ihre Eier kaum größer als ein Straußen-Ei.

Das Stadtmuseum Iserlohn zeigt in seiner urgeschichtlichen Sammlung insgesamt 23 Dinosaurier-Eier in unterschiedlichen Formen und Größen: kleine, große, runde und längliche. Aus großen länglichen Eiern schlüpften fleischfressende Raubsaurier, deren bekanntester Vertreter der T-Rex ist. Das Gelege mit den abgebildeten runden Eiern stammt von einem Therizinosaurus, einer vegetarisch lebenden Art der Dinosaurier. Er lebte während der frühen Oberkreidezeit im Gebiet der heutigen Mongolei vor ca. 100 Millionen Jahren. Er wurde wahrscheinlich bis zu acht Meter groß und lief aufrecht. Durch den Iserlohner Kartografen und Ur- und Frühgeschichtler Dr. Wolfgang Pohl kam der wertvolle archäologische Fund im Jahr 2012 in das Stadtmuseum Iserlohn.