"Nur wer das Absurde versucht, ist fähig, das Unmögliche zu vollbringen."
Miguel de Unamuno (1864-1936), spanischer Philosoph und Schriftsteller

"Mein Parktheater-Direktor-Tag beginnt mit einem Ruhepuls von 129. Seit Wochen das angespannte Gefühl mit hochgezogenen Achseln: Was gibt die Entwicklung der Tagesinzidenzwerte her? Ein Auf und Ab voller Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, aber auch von der Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels. Für alle verschobenen oder ausgefallenen Veranstaltungen müssen Ersatztermine gefunden und alle Abonnenten und Freiverkaufskunden informiert werden, Tauschbons oder Gutscheine werden ausgestellt und die Infos in alle Richtungen kommuniziert. Dazu gehören der Veranstaltungskalender, die Sozialen Medien, die Homepage, die Redaktionen der Region, aber auch die Feuerwehr und die Gastronomie. Nebenher bringen die Bedingungen im Homeoffice verstärkte und erschwerte Kommunikations- und Abstimmungsprobleme mit sich. Zusätzlich ist noch die Endabwicklung von bewilligten Zuschüssen aus dem Bundesprogramm 'Neustart Kultur' für Investitionen nötig, die corona-bedingte Anschaffungen refinanziert haben, um den Spielbetrieb im Parktheater unter den gesetzlichen Auflagen der Coronaschutzverordnung zu ermöglichen. Für verschobene oder abgesagte Veranstaltungen müssen Großkunden informiert und für neue Projekte geöffnet werden. Hinter den Kulissen fortlaufend auch zukünftige potenzielle Entwicklungen nach menschlichem Ermessen im Auge haben, will heißen: Kulturmanagement heißt vorausschauendes Planen! Aber rechtliche Grundlage für das Parktheater Iserlohn ist allein die gültige und veröffentlichte aktuelle NRW-Coronaschutzbestimmung mit ihren jeweiligen Verordnungstexten, nicht die Medienberichterstattung im Fernsehen über Treffen und Beschlüsse der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten. Im Homeoffice und per E-Mail kann man den Erhalt negativer Nachrichten auch in der Nacht nicht verhindern. Zum Beispiel ein 30-minütiges Telefonat mit dem Intendanten eines Landestheaters. Hintergrund ist das dort getroffene Dispositionsprogramm und die Entscheidungspolitik, die erhebliche Auswirkungen auf das Parktheater Iserlohn hat, zum Beispiel im Abo I 'Musiktheater' geplante Veranstaltungen wie 'Don Giovanni', die wegen Quarantäne durch ein Gastspiel in Winterthur abgesagt wurde. Dadurch waren keine Proben möglich, die Produktion konnte nicht herauskommen. Der Ersatz: Die Abo-Vorstellung 'Turandot' ('Nessun Dorma'), die an die Abonnenten als Ersatz kommuniziert wurde. Dann die Absage von 'Turandot' weil festgestellt wurde, dass von der Orchesterbesetzung die Produktion zu groß ist für die Orchestergräben der Gastspielorte. Als Ersatz kam dann 'Aida' - dann wurde auch noch 'Aida' abgesagt - durch neue Beschränkungen der Probensituation und Veränderungen in den jeweiligen Arbeitsschutzauflagen und den einhergehenden Abstandsregeln. Es folgt die Absage der Produktion 'Jesus Christ Superstar'. Einige Produktionen sollen verschoben werden in die Spielzeit 2021/2022 - leider erst in die Frühjahrsphase 2022. Das führt jedoch wiederum zu einem erheblichen Nachteil bei bewilligten Förderprogrammen, die eine finanzielle Abfederung von Corona-bedingten finanziellen Problemlagen sein und die Aufnahme des Spielbetriebes ermöglichen soll. Glücklicherweise wurde durch den erneuten Lockdowns der ursprüngliche Projektzeitraum bis zum 31. Dezember 2021 verlängert. Trotzdem fallen viele Produktionen allein aus zeitlichen dispositionellen Gründen nicht mehr in den Förderrahmen und sind insofern mit einem finanziellen Schaden für die Stadt Iserlohn verbunden. Am späten Abend dann - bedingt durch innere Anspannung - der letzte Blick auf die aktuellen neuen Botschaften im Homeoffice. Im Posteingang findet sich eine Meldung der Gastspieldisponentin des Landestheaters mit dem Verweis auf das halbstündige Gespräch mit dem Intendanten, der doch sicherlich erklärt hätte, dass der Spielbetrieb des Landestheaters bis zum 31. März 2021 eingestellt wird und demzufolge das jetzt als Verschiebung schon geplante Corona-geeignete Stück 'Land des Lächelns' leider auch nicht stattfinden kann. Telefonat mit dem Geschäftsführer der INTHEGA, um die augenblicklichen Entwicklungen und Tendenzen zu besprechen und eine erhoffte Öffnung und Verlängerung der Förderauflagen beim Bundesministerium zu erreichen. Letztlich soll diese Förderung die Aufnahme der Gastspieltätigkeit und weitere Zukunftssicherung des Betriebes in Spieltheatern sichern - aber auch die Existenz der Anbieter. Es folgen Gespräche mit den ortsansääigen Ballettschulen, die im Sommer große Zeitblöcke für Aufführungen in der Dispo blockiert haben. Aktuell dürfen diese Ballettschulen nicht proben. Wie aussichtsreich ist es demnach, im Juni eine Produktion herauszubringen? Nicht zu sprechen von den dann geltenden Verordnungen, Bestimmungen oder auch Beschneidungen der Besucherkapazität im Parktheater. Corona-bedingt muss dabei auch im Auge behalten werden, dass sich Backstage bei diesen Produktionen über 100 ganz junge und kleine Ballett-Enthusiasten und Mitglieder der Ballettschulen befinden. Noch ein Anruf bei einer Kollegin, um Abonnentenanschreiben für Verschiebungen zu organisieren und zu veranlassen. Das ist ein gewaltiger Kraftakt, in allen Bereichen diese Veränderung erst einmal gesichert zu kommunizieren und auch alle Betroffenen zu informieren. Anruf bei einer Konzertdirektion, ob sie wirklich damit rechnen, dass die Produktion aus Ungarn aufgrund von Einreisebestimmungen ihr Gastspiel in Iserlohn bewältigen kann. Anruf bei einer Konzertdirektion in München: Terminfindung für zwei abgesagte Produktionen und mit Zuversicht sogar ein aussichtsreicher Termin, natürlich alle so spät wie möglich - also Ende Juni. Anruf von einer Agentur - ebenfalls aus München, die als Gastspiel mit einem attraktiven, großen Gastspiel mit 47 Personen inkl. Technik und Busfahrer in Iserlohn zu Gast wären. Problem: Aus der allgemeinen Verunsicherung sind von über 40 Städten, die das Gastspiel in der Tournee im Frühjahr 2021 gebucht haben, nur noch Fünf übrig geblieben. Aktiv jetzt also die Frage, ob dieses Gastspiel nicht verschoben werden kann. Hintergrund: Für fünf Aufführungstermine kann man diese Produktion 'eigentlich' nicht verantwortlich finanziell auf Tournee schicken. Termingespräch mit einer Produktion, hier die Problematik, zwei neue Termine zu finden. Diese Produktion wiederum hat eine Vorreservierung, wo man nicht einschätzen kann, ob sie zum Tragen kommt, aber Kontakte - wie fast alles - ist total erschwert, weil überall Kurzarbeit herrscht und man an Entscheidungsträger schwer herankommt. Absage von Konzertprojekten: Nach menschlichem Ermessen wird ein Konzert am 19. Februar nicht stattfinden können. Der Westdeutsche Rundfunk hat beschlossen, bis Ende März seine Konzerte in Köln nur ohne Publikum zu spielen, aber im Livestream auszustrahlen (auch hier ist eine potenzielle Idee, dieses Konzert als Angebot wieder anzubieten, erst ab Herbst 2022 im Gespräch). E-Mail der Londoner Agentur einer Dirigentin, die anfragt, was denn mit unserem Konzert im März 2021 wäre. Hier Verunsicherung: Warum kommt diese Anfrage? Intuitiv ein Blick auf die Internetseite der Philharmonie Essen, die dieses Konzert am Vortag beschreiten wollte. Hier die Botschaft, die Philharmonie Essen stellt ihre Spieltätigkeit bis Ende März ein. D. h. davon ist auch das Konzertprojekt im Parktheater betroffen! Was ist hier die rechtliche Grundlage? Wie gehen wir mit diesem Problem um? Alle Betroffenen sind vorgewarnt, aber aktuell müssen wir die weitere Entwicklung und die Corona-Verordnung als Rechtsgrundlage abwarten. Erschwerend kommt natürlich noch dazu, dass es bei der Genehmigung für Probentätigkeiten vom Arbeitsschutz für die Landestheater auch eine Veränderung gegeben hat der Abstände von zwei auf drei Meter erhöht. Das macht einen Probenbetrieb für bestimmte Vorstellungen einfach nicht möglich."

Mut machend und motivierend für das Kulturbüro-Team sind die vielen empathischen Rückmeldungen unserer Iserlohner Theaterfreunde: "Wir möchten uns für Ihr kundenorientiertes, leidenschaftliches Engagement bei Ihnen bedanken. Ihr Team leistet in diesen schwierigen Zeiten außerdem kommunikativ vorbildliche Arbeit für den Erhalt der Iserlohner Kulturarbeit. Danke auch dafür!“

Ihr Johannes Josef Jostmann