Die Porträtsituation
Im Gegensatz zu den damals üblichen langen Porträtsitzungen, wie sie etwa der berühmte Hugo Erfurth praktizierte, verliefen die Atelierbesuche in Dortmund für die Kunden eher ungewohnt. Oftmals erkundigten sich die Männer und Frauen im Vorfeld, wie sie sich kleiden sollten. Annelise Kretschmer entgegnete dann: „Ziehen Sie doch das an, was Ihnen gefällt ...“ Meistens machte sie nicht mehr als zehn oder zwölf Aufnahmen, so dass sich die Kunden überrascht darüber zeigten, wie schnell die Sitzung beendet war. Ein Kunde, der in jungen Jahren von ihr photographiert worden war, erinnerte sich später, dass er zunächst mit dem Portrait, das sie von ihm gemacht hatte, nicht zufrieden gewesen sei. Jahrzehnte später fiel ihm jedoch auf, dass das Photo ihn so zeigte, wie er im Laufe seines Lebens geworden war.
„Die eigentliche Schwierigkeit bei der Portraitphotographie ist es, den Menschen zu einer Selbstdarstellung zu bewegen, in der seine wesentlichen Charakterzüge zum Ausdruck kommen. Wenn der Photograph es schafft, einen Kontakt zu seinem Gegenüber herzustellen, dann kann eine Charakterisierung gelingen“, erklärte sie 1982 in einem Interview. Das Fazit ihrer Arbeit als Photographin zieht sie wenige Jahre vor ihrem Tode mit den Worten: „Mich hat nie die technische Seite der Photographie interessiert, die natürlich beherrscht werden muss, sondern der Prozess, die starre Optik des Apparates zu verlebendigen, das, was das phantasiebegabte Auge als Erlebnis hat – nun doch durch die Apparatur zum Kunstwerk umgewandelt – wiederzugeben.“