15. Mai - 9. August 2026
Mit der Ausstellung „zwischen.menschlich“ lädt der Fotograf Jörg Meier – aka Pancho Assoluto – in der Städtischen Galerie Iserlohn zu einer fotografischen Reise durch Erinnerungsräume, urbane Landschaften und gesellschaftliche Zwischenzonen ein. Meiers Bilder verbinden dokumentarische Genauigkeit mit einer subjektiven, erzählerischen Haltung: Sie zeigen Begegnungen, die nachwirken, und Milieus, die im öffentlichen Blick oft übersehen werden. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die Frage, wie Identität entsteht – zwischen Herkunft und Gegenwart, Nähe und Distanz, Zuschreibung und Selbstentwurf.
Ausgangspunkt der Schau sind langfristig angelegte Serien, die aus biografischen Erfahrungen ebenso wie aus intensiven Recherchen und Gesprächen hervorgehen. In „aye“ kehrt Meier in die eigene Vergangenheit zurück: Glasgow wird zur Projektionsfläche für Kindheit, Prägungen und das Wiederauftauchen verdrängter Erinnerungen. Die Arbeit stellt zugleich eine universelle Frage: Welche Spuren hinterlassen Orte und frühe Begegnungen – und wie prägen sie das Heute?
Eine zweite Station führt in die Metropole Kairo: „Ruhe im Sturm“ (2011, entstanden als Diplomarbeit) nähert sich der Stadt vor allem nachts – im warmen Licht, in flüchtigen Situationen, jenseits touristischer Erwartungen. Aus dem Kontrast von beleuchteten Straßen und dunklen Gassen entwickelt Meier ein vielschichtiges Stadtporträt, das Schönheit und Unvollkommenheit, Energie und Stillstand nebeneinander bestehen lässt.
Ein besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf Räume, in denen gesellschaftliche Normen brüchig werden. In „nod – Jenseits von Eden“ richtet Meier die Kamera auf ein verborgenes Paralleluniversum entlang von Park- und Rastplätzen: Menschen, die sich der Öffentlichkeit entziehen und doch Teil der Gesellschaft sind. Daraus entwickelte sich „Tempo Kitchen“, ein Blick auf den provisorischen Alltag von Fernfahrern – auf improvisierte Küchen, kurze Momente des Innehaltens und ein Gemeinschaftsgefühl, das unterwegs entsteht. Beide Serien erzählen von temporären Existenzen und davon, wie Identität unter Bedingungen ständiger Bewegung Form annimmt.
Wiederkehrend ist zudem das Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Menschen. In Arbeiten über Väter und Söhne untersucht Meier, wie sich Zuneigung jenseits gängiger Rollenmuster ausdrückt – etwa in Momenten körperlicher Berührung, die mit dem Erwachsenwerden komplexer werden. Ein weiterer Zyklus porträtiert junge Väter, die sich bewusst ihrer neuen Rolle stellen; die Bilder zeigen fein beobachtet die Spannung zwischen jugendlicher Unbeschwertheit und wachsender Verantwortung.
Identität wird auch dort konkret, wo Meier sich selbst ins Zentrum rückt: In „Ich bin [ ]“ porträtiert er Menschen, die seinen eigenen Namen tragen, und eröffnet damit einen Denkraum über Individualität, Austauschbarkeit und biografische Verbindungen. Ergänzend thematisiert eine Porträtserie den gesellschaftlichen Druck auf Frauen, die sich gegen konventionelle Lebensentwürfe entscheiden – und schafft Raum für Stimmen, die im öffentlichen Diskurs häufig nur randständig vorkommen.
Mit „MasculinityX“ erweitert der Fotograf die Perspektive auf Geschlecht und Selbstbilder. Die Porträts verstehen sich als Dialog über vielfältige Identitäten und über das „Dazwischen“ als gelebte Realität. Auch aktuelle Arbeiten – etwa zu queeren Landwirt*innen im ländlichen Raum – knüpfen daran an: Sie zeigen Menschen, die offen in ihrem beruflichen Umfeld stehen und zugleich besonderen Herausforderungen begegnen, ohne dass die Bilder erklären oder bewerten wollen.
Über die einzelnen Werkgruppen hinaus betont die Ausstellung Meiers Verständnis von Fotografie als Teilhabeprojekt. In Kooperationen – unter anderem mit den „Selfiegrafen“ – und in einem begleitenden Event, zu dem verbündete queere Künstler*innen eingeladen sind, werden Porträts neu interpretiert oder weitergedacht. So entsteht ein vielstimmiges Zusammenspiel von Kunst und Identität, das die Besucherinnen und Besucher zum genauen Hinsehen, zum Hinterfragen gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten und zum Entdecken des Verbindenden im Unterschiedlichen einlädt.