Aktuelle Ausstellung

Trent Parke. Monument

30.10.26 - 14.02.2027

Ein Magnum-Fotograf erzählt die Geschichte der Menschheit in Licht, Schatten und Korn

Urknall und Untergang, Licht und Finsternis, der Mensch als flüchtiger Fleck im Leben des Universums. Mit kleineren Fragen gibt sich Trent Parke nicht ab. Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt vom 30. Oktober 2026 bis zum 14. Februar 2027 „Monument“, das Hauptwerk des australischen Fotografen. Parke wurde 2007 als erster Australier Vollmitglied der Agentur Magnum Photos. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit Magnum Photos und dem Stadtmuseum Schleswig, wo sie im Sommer 2026 zu sehen war.

Am Anfang steht eine doppelte Beobachtung. Als junger Fotograf kam Parke aus der Provinzstadt Newcastle nach Sydney. Tagsüber folgte er den Strömen der Pendler, die zur Rushhour wie in Trance durch die Häuserschluchten zogen. Nachts beobachtete er die Motten, die unablässig die Lichter der Harbour Bridge umkreisten, angezogen, betäubt und verglüht. Aus diesen zwei Bildern wurde eines: der Mensch als Motte im Licht. Tag für Tag geht er denselben Weg, getrieben von einer Kraft, die er nicht versteht.

Wer in „Monument“ Dokumente der Stadt Sydney sucht, wird enttäuscht und zugleich reich beschenkt. Parke, geschult in Pressefotografie und Street Photography, hat sich weit vom Abbild der Wirklichkeit entfernt. „Meine Fotos sind eher Fragen als Antworten“, sagt er. Die Reste der Realität scheinen nur schemenhaft auf. Passanten werden zu gesichtslosen Silhouetten. Schatten wachsen ins Unheimliche, während im Hintergrund ein Bus als Lichtschleier durchs Bild rauscht. Körper lösen sich in gleißendem Gegenlicht auf, bis nur eine Art Astralleib bleibt. Entscheidend ist nicht, was auf dem Bild zu sehen ist, sondern was es im Betrachter auslöst. Oder, mit Parke: „Ein Nachtfalter ist nicht wirklich ein Nachtfalter.“

Zwei Begriffe tragen das Werk: Licht und Zeit. Parke jagt dem harten australischen Licht hinterher, das sich in die Spalten der Stadt senkt und von Asphalt und Glas zurückgeworfen wird. Er verlängert Verschlusszeiten und treibt Belichtungen bis an die Grenze des Mediums. Seine Methode verbindet Analoges und Digitales. Er fotografiert auf 35-mm-Schwarzweißfilm mit der Leica und scannt die Negative dann in höchster Auflösung. Winzige Ausschnitte vergrößert er so weit, dass das Filmkorn zu Sternenstaub wird. In der Dunkelkammer, sagt Parke, wäre das physisch nie möglich gewesen. Die Zeit wiederum ist sein Thema: Ein flüchtiger Moment an einer Straßenecke steht für die Vergänglichkeit eines einzelnen Menschenlebens.

 

 

„Monument“ ist die Summe eines Fotografenlebens. Nach Parkes eigenen Angaben entstanden zwischen 1994 und 2023 rund 3.500 Aufnahmen. Aus seinem Archiv montierte er eine neue Erzählung, keine chronologische Retrospektive. Sie ist eine Bildsinfonie, die sich der Erde aus dem All nähert und in einer Vision von Auflösung und Untergang endet. Das gleichnamige Buch erschien 2023 bei Stanley/Barker in London. Es hat 296 Seiten mit 172 Schwarzweißbildern, und kein einziges Wort ist sichtbar gedruckt. Die Einführung ist in Morsezeichen in die Vorsätze geprägt, das Impressum in Brailleschrift. Den Umschlag zieren Symbole nach der Golden Record, die 1977 mit den Voyager-Sonden ins All geschickt wurde, als Botschaft der Menschheit an fremde Intelligenzen. Parke versteht sein Buch als seine eigene Zeitkapsel, als Denkmal der Menschheit. Die erste Auflage war binnen sieben Stunden vergriffen.

Die Iserlohner Präsentation übersetzt diese Dramaturgie in den Raum der ehemaligen Fabrikantenvilla. Das Erdgeschoss gehört dem urbanen, irdischen Pol: Menschenströme, Straßen und das gleißende Licht der Stadt. Das Treppenhaus wird zur Schwelle. Im Obergeschoss öffnet sich der kosmische Raum, in dem sich die Bilder auflösen.

Leichte Kost ist „Monument“ nicht. Es ist eine düstere, bisweilen apokalyptische Elegie auf die Moderne und den ewigen Kreislauf des Lebens, und dennoch verlassen viele Besucher die Ausstellung seltsam erhoben. Ulrich Rüter von Leica Fotografie International gab dem Schleswiger Publikum zur Eröffnung eine Empfehlung mit, die auch für Iserlohn gilt. Man solle sich von Parkes Bildern anziehen lassen, aber nicht wie die Motten vom Licht, sondern wie neugierige Passanten in der Welt.

Zum Künstler

Trent Parke wurde 1971 geboren und wuchs in Newcastle, New South Wales, am Rand der Stadt auf, wo die Vororte auf den Busch treffen. Mit zwölf Jahren begann er zu fotografieren, mit der Pentax Spotmatic seiner früh verstorbenen Mutter. Die Waschküche der Familie diente ihm als Dunkelkammer. Er arbeitete zunächst als Pressefotograf, unter anderem für die Tageszeitung The Australian, und als Sportfotograf. Seine Bilder von den Straßen Sydneys erschienen 1999 in seinem ersten Buch „Dream/Life“. Martin Parr und Gerry Badger zählen es zu den dynamischsten Straßenfotografie-Büchern, die außerhalb der USA und Japans entstanden sind.

2003 unternahm er mit seiner Frau, der Fotografin Narelle Autio, eine rund 90.000 Kilometer lange Reise durch Australien. Daraus entstand „Minutes to Midnight“. Die Steidl-Ausgabe des Buches erhielt 2015 den Deutschen Fotobuchpreis in Gold. Parke wurde viermal mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet, 2003 erhielt er den W. Eugene Smith Grant. Weitere Bücher sind „The Christmas Tree Bucket“ (2013), „The Black Rose“ (2015), „Crimson Line“ (2020) und „Cue the Sun“ (2021). Seine Werke befinden sich unter anderem in der National Gallery of Australia, der National Gallery of Victoria und im Museum of Contemporary Art in Sydney.

Magnum Photos

1947 gründeten Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, George Rodger und David „Chim“ Seymour die Kooperative Magnum Photos. Sie wurde zur bedeutendsten Fotografenagentur der Welt und prägt bis heute das Bild vom Autorenfotografen, der über seine Bilder selbst bestimmt. Parke wurde 2002 in die Agentur aufgenommen und 2007 als erster Australier Vollmitglied. Unter den Magnum-Fotografen ist er eine Ausnahmeerscheinung. Seine Arbeit gilt weniger der klassischen Reportage als einer subjektiven, oft traumartigen Bildsprache, die sich eindeutig im Feld der Kunst bewegt.

alle Abb. ©Trent Parke, Magnum Photos

Informationen

Ausstellung: 30. Oktober 2026 – 14. Februar 2027

Eröffnung: Freitag, 30. Oktober 2026 um 19.30 Uhr

Einführung: Andréa Holzherr, Magnum Photos

Ort: Städtische Galerie Iserlohn, Theodor-Heuss-Ring 24, 58636 Iserlohn

Öffnungszeiten: Di-Fr 15-19 Uhr, Sa 11-15 Uhr, So 11-17 Uhr · Eintritt: 4 Euro