Nachdem im April vergangenen Jahres ein Stolperstein für Erwin Schlünder vor seinem Geburtshaus an der Bonstedtstraße 12 verlegt worden ist, veranstaltete die städtische Abteilung Jugendarbeit (Erzieherischer Jugendschutz) nun eine besondere siebentägige Gedenkstättenfahrt von Sonntag, 23. August, bis Samstag, 29. August, nach Albinea in die norditalienische Region Emilia-Romagna.
Erwin Schlünder wurde 1921 in Iserlohn geboren. Der Mann, der als Soldat im August 1944 in Italien stationiert war, leistete gemeinsam mit vier weiteren Kameraden im dortigen Albinea aktiven Widerstand gegen das Unrechtsregime der Nationalsozialisten, indem er mit den italienischen Partisanen kollaborierte. So wollte er das sinnlose Töten der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS in diesem Teil Italiens beenden.
Für diesen Plan musste Erwin Schlünder mit seinem Leben bezahlen: Am 27. August 1944 wurde er von einem Exekutionskommando hingerichtet. Im März 1995 wurden Erwin Schlünder und seinen vier Kameraden dann posthum die Ehrenbürgerschaft der italienischen Gemeinde Albinea verliehen.
Junge Menschen erleben bewegendes Programm
Mit diesem Wissen und gefördert mit Landesmitteln aus dem Kinder- und Jugendförderplan des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) begaben sich 19 junge Menschen im Alter von 15 bis 21 Jahren aus Iserlohn „Auf die Spuren von Erwin Schlünder“ in Italien. Begleitet von Matthias Durchfeld vom dortigen Institut „Istoreco“ begab sich die Gruppe zu Beginn auf einen thematischen Stadtspaziergang durch Reggio Emilia unter dem Titel „Widerstand und Verfolgung“ mit anschließender Besichtigung und geschichtlichem Einführungsreferat im Institut. Am Dienstag, 25. August, stand die Fahrt nach Marzabotto zu den Orten des Massakers an. Der Ortsname Marzabotto wurde zu einem Symbol für deutsche Verbrechen während der nationalsozialistischen Besatzung in Italien. Das Ausmaß der bestialischen Morde hat bis heute besondere Spuren in der Region hinterlassen.
Als kulturelles Freizeitprogramm folgte am Mittwoch, 26. August, die Fahrt nach Canossa, bevor am selben Nachmittag die Teilnahme an den Gedenkfeierlichkeiten in Albinea im Vordergrund stand. Mit dem Besuch des Iserlohner Bürgermeisters Michael Joithe wurde das gemeinsame Erinnern und Gedenken am 1995 errichteten Mahnmal in Albinea besonders gewürdigt. Im Vorfeld nahm die Iserlohner Gedenkgruppe auch an der Premiere des Dokumentationsfilms „Den deutschen Deserteuren gewidmet“ von der Initiative „Il Civico Giusto“ und anschließend an der Anbringung einer Gedenktafel an der „Villa Calvi“ teil. Der anschließende Empfang im Rathaus war ebenfalls ein emotionaler Höhepunkt für die Teilnehmenden, die besonders die herzliche Gastfreundschaft lobten. Die Gedenkfeierlichkeiten endeten an der „Villa Rossi“, dem Ort der Hinrichtungen vor über 80 Jahren.
„Die Geschichte von Erwin Schlünder vor Ort kennenzulernen, hat gezeigt, wie viel stärker Geschichte wirken kann, wenn man an den Orten steht, an denen sie tatsächlich passiert ist“ (Zahide, Teilnehmerin, 21 Jahre).
Der Donnerstag, 27. August, stand ganz im Zeichen des Erinnerns an Erwin Schlünder und seine vier Kameraden, mit der gemeinsamen Besichtigung des Soldatenfriedhofes in Costermano sul Garda und der Blumenniederlegung am Grab von Erwin Schlünder und Hans Schmidt. Eine Mittagspause am Gardasee und anschließende Fahrt nach Campegine zum bekannten „Museo Cervi“ rundeten den Tag inhaltlich ab.
Am Freitag, 28. August, erwartete die Reisegruppe Temperaturen von 37 Grad. Deshalb begaben sich nicht alle Jugendlichen gemeinsam mit Giacomo Mazzali von der „Associazione Nazionale Partigiani d`Italia“ (A.N.P.I.) Albinea zum Wandern auf die Partisanenwege. Konkret ging es über den „Weg der Befreiung“ von Vezzano sul Crostolo nach Albinea, bevor nach einer Mittagsstärkung und dem Besuch des „kleinen Museums“ vor Ort ein gemeinsames Erinnerungsfoto mit der Bürgermeisterin von Albinea, Roberta Ibattici, entstand. Im Hintergrund ist ein Stück der Berliner Mauer zu erkennen, das Teil eines neuen Wahrzeichens in Albinea ist und aus einer seit 1997 bestehenden Städtepartnerschaft mit dem Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, dem Geburtsort von Hans Schmidt, resultiert.
„Vergessen sein heißt, umsonst gelebt zu haben.“ Mit diesen Worten möchte der Neffe Bernd Schlünder auf die mutigen Taten von Erwin Schlünder hinweisen, in der Hoffnung, dass er weder in seiner Heimatstadt Iserlohn noch in Albinea vergessen wird. Der Tenor vieler Beteiligter bei dieser besonderen Gedenkstättenfahrt war: „Menschlichkeit beginnt dort, wo Erinnerung nicht endet.“
Ausstellungen in der Reformierten Kirche und in der Volkshochschule Iserlohn
Als Ergebnis und um die Eindrücke der Gedenkstättenfahrt zu verdeutlichen, veranstalten die beteiligten Jugendlichen und ihre fünf erwachsenen Begleitpersonen in partizipativer Art und Weise eine Ausstellung mit dem Titel „Unsere Visionen für ein freiheitlich-demokratisches Europa – aus der Vergangenheit in die Gegenwart für die Zukunft lernen!“. Die Vernissage findet am Freitag, 18. September, um 14 Uhr in der Reformierten Kirche (Wermingser Straße 9) statt. Die abschließende Finissage wird am Donnerstag, 15. Oktober, um 18 Uhr im Fanny-van-Hees-Saal der Volkshochschule (VHS) Iserlohn (Bahnhofsplatz 2) begangen. Für beide Veranstaltungen wird um Anmeldung per E-Mail an joerg.simon(at)iserlohn.de gebeten. Für die Finissage kann die Anmeldung auch online über die VHS erfolgen unter https://www.vhs-iserlohn.de/kurssuche/kurs/Visionen-fuer-ein-freiheitlich-demokratisches-Europa/262_11140.
Die Ausstellungen können zwischen Freitag, 18. September, und Samstag, 3. Oktober, in der Reformierten Kirche und von Dienstag, 6. Oktober, bis Donnerstag, 15. Oktober, in der VHS zu den geltenden Öffnungszeiten besucht werden.