©Carola Lischke, Yellow all over
Carola Lischke, Yellow all over

FrauenKunstForum - Landschaft. 9. Februar - 15. April 2018

Jette Flügge - Landschaft. Eine Einführung

Die Ausstellung Landschaft zeigt Ihnen Landschaften. Immer schon finden sich Landschaften in der Kunst, erst nur als Ergänzung bildnerischer Erzählungen und seit der Renaissance immer mehr als Inhalt von Kunstwerken. Fast in jedem künstlerischen Werk finden sich Landschaftsdarstellungen.
In der folgenden Einführung werde ich Ihnen keinen kunstgeschichtlichen Abriss der Entwicklungen der Landschaftsdarstellung zeigen. Und ich werde Ihnen auch nicht die hier gezeigten Bilder zu erklären versuchen. Vielmehr möchte ich Ihnen einige Überlegungen zur Seite stellen, die Ihren Gang durch diese Ausstellung erleichtern oder, im Idealfall, sogar erschweren. Und so beginnt es natürlich mit der grundlegendsten Frage: Was ist eine Landschaft? Wikipedia erklärt: „Das Wort Landschaft wird vor allem in zwei Bedeutungen verwendet. Zum einen wird es, vor allem in der Geographie, verwendet, um ein Gebiet zu bezeichnen, das sich durch naturwissenschaftlich erfassbare Merkmale von anderen Gebieten abgrenzt, zum anderen bezeichnet es die kulturell geprägte, subjektive Wahrnehmung einer Gegend als ästhetische Ganzheit.“[Wikipedia: de.wikipedia.1 org/wiki/Landschaft]
Was ist eine ästhetische Ganzheit? Landschaft ist also als etwas zu verstehen, was sich in unserer Wahrnehmung sinnvoll zusammenfügt. Eine Summe von Dingen, die sich im Raum
zusammengehörig zeigen. Doch wie wird eine Ansammlung von Dingen zu einer Landschaft?
Und wie kommt es zu der Ganzheits-Empfindung? Eine Idee ist, dass es die Distanz des Betrachters zur umgebenden Welt ist, die diese zur Landschaft werden lässt. Laut Georg Simmel ist es eine Art Enthobenheit von der Welt, die dies ermöglicht. Ein Bauer sieht einen Landstrich anders als ein Wanderer. Der Bauer ließt die Einzelheiten der Gegend nutzungsorientiert, also in Bezug zu seiner Arbeit. Er sieht Aufgaben, Bodenzustand, Wetterschäden und vieles mehr. Der Wanderer fügt die gesehenen Dinge in seiner Vorstellung und mit seinen Emotionen zu einem Ganzen zusammen und findet dies im Idealfall schön. Er sieht eine Landschaft. Doch woraus setzt sich eine Landschaft  zusammen? Müssen es natürliche Dinge sein? Bäume? Wiesen? Ein Bachlauf? Lucius Burckhardt, der Erfinder der Spaziergangswissenschaft, schreibt: „Der Begriff der Landschaft beruht […] nicht darauf, dass die Einzelheiten nicht mehr benennbar sind; […]. Vielmehr ermöglicht uns dieser Begriff eine bestimmte Art der Abstraktion, er erlaubt es uns, gewisse Informationen wegzulassen und andererseits die Vielfalt der Dinge unter ein „Bild“ zu fassen. So rechnen wir zur Landschaft durchaus nicht nur die natürlichen Dinge, wie Wiesen, Bäume, Hügel. Landschaft ist […] nicht synonym zu Natur zu verstehen. Je nachdem, um welche Landschaft es sich handelt, zählen wir auch die Artefakte dazu: Bauernhöfe ohnehin, aber auch technische Einrichtungen, in Holland selbstverständlich die Windmühlen, im  Ruhrgebiet sogar die Fördertürme, […].“ [Burckhardt, Lucius: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft. Berlin 2008. S. 82]

©Jette Flügge, Gegend 03
Jette Flügge, Gegend 03

 Also ist es eine Frage der Kultivierung, ob wir unterschiedlichste Zusammenstellungen als Landschaft sehen. Städte mussten erst als Landschaft erfunden werden. Heute empfindet man ein altes Ruhrgebiets-Industriezentrum schon als Landschaft, ein modernes Industriegebiet gewinnt diesen Titel unter Umständen noch nicht. Und wir blenden aus, was uns nicht gefällt. Die schöne Wanderung besteht aus den schönen Landschaften, nicht aus der Überquerung eines stark befahrenen Straße
oder eines hässlichen Parkplatzes.Doch was ist dieses erhebende Gefühl, was macht, dass wir diese
Wahrnehmungen zu Kunst machen wollen? In der Kunstwissenschaft findet man zwei wesentliche Ansätze, die innere Gefühlslage und die äußere Erfahrung. Unter dem Begriff Stimmung findet sich die Aktivierung innerer Befindlichkeiten, die für den Weltzugang notwendig sind. Vielleicht eine Art Erwartung an die
Wahrnehmung und das dadurch erzeugte Gefühl. Eine Art Suche nach dem Erhabenen, wie bei dem Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich. Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie eine Atmosphäre, die einer Landschaft innewohnt, in die man gerät, der man ausgeliefert ist und die einen plötzlich erfassen kann. Die Darstellung eines brennenden Hauses erzeugt vermutlich bei jedem eine ähnliche Empfindung. Eine Landschaft existiert nicht ohne unsere Wahrnehmung. Es handelt sich um das
Zusammenfallen von ich und Welt.

©Mathilde Jäger, Straße
Mathilde Jäger, Breite Straße

Nun sehen Sie hier in dieser Ausstellung ganz unterschiedliche Herangehensweisen an Landschaft.
Einige Positionen zeigen ganz traditionell einen bestimmten Ort, der die entsprechende Künstlerin berührt hat und sie dazu bewegte, ihre Wahrnehmung des Ortes wiederzugeben. Dies kann direkt vor den Dingen geschehen sein. Oder es ist der Nachhall eines Ortes gewesen, der sich so sehr in die Erinnerung
der Künstlerin gelegt hat, dass sie diese visuell zu bannen versuchte. Andere haben die Landschaft in Dingen entdeckt, die gar nicht der traditionellen Auffassung von Landschaft entsprechen. In der Oberfläche von einem Baum oder auch in abgeblätterter Farbe. Einige Künstlerinnen entwickelten Landschaften, die collageartig Dinge zusammenfügen, die auf dem Blatt Tiefe erzeugen. Der Betrachter erkennt eine komplexe innere Landschaft. In allen Arbeiten findet sich der Mensch wieder. Ganz offensichtlich natürlich dort wo er Bildgegenstand ist. Aber auch dort, wo wir keine Menschen zu sehen
bekommen. Unsere Wahrnehmung schlägt sich auf die bildnerischen Landschaften nieder. Aber auch die Zeit, in der wir Leben, Fragen nach Be- und Entschleunigung, nach der Rolle des modernen Menschen in der Welt zeigen sich in den Bildern. Ebenso Kritik an unserer Lebenshaltung, Hinweise auf andere Lebewesen, die diese Welt mitgestalten. Aber ganz zuvorderst sind diese achtzehn Blicke ein Lob an die Welt. Daran, dass wir in ihr leben, ihre Ressourcen nutzen, aber vor allem daran, dass wir sie als schön und heimatlich empfinden können

©Stefanie Bornemann, Collage
Stefanie Bornemann, Timelapse, Foto-Collage