Stadt und Fußball

Von den Anfängen des Fußballsports in Deutschland 1890 - 1914

Bild Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele aus dem Jahre 1907

Im wilhelminischen Deutschland waren die Städte Experimentierfelder einer neuen Freizeitkultur. Zu deren populärsten Erscheinungen zählte der um die Jahrhundertwende aufkommende englische Import Fußball, der jedoch heftig umstritten war. Während ihn die Anhänger des Turnens als "fremdländisch" und "roh" verunglimpften und Schulbehörden die Mitgliedschaft von Jugendlichen in Fußballvereinen verboten, betrachteten bürgerliche Sozialreformer die englischen Sportarten als Mittel, um die sich aus dem rasanten Wachstum der Städte ergebenden hygienischen und sozialen Probleme zu entschärfen.

"Eine Jugend wächst in unseren Städten heran, die kaum etwas weiß von Wald und Feld, von Flur und Wiese. Und ferner gilt es, der augenfälligen körperlichen Verderbnis unserer städtischen Jugend, ihrer wachsenden Nervosität, Blutarmut, Schlaffheit mit aller Energie entgegen zu treten und dem durch das moderne Leben überreizten jugendlichen Gehirn in frohem, freiem Spiel die Möglichkeit gesunder Erholung und Erfrischung zu bieten. (...)
Auch die erziehlichen und ethischen Wirkungen des Spiels liegen auf der Hand. Das Spiel spannt alle Kräfte an, die der Sinne und des Intellekts nicht weniger, als die der Muskeln und Sehnen. Es erfordert oft blitzschnelle Entschließungen, verlangt Scharfblick, Geistesgegenwart, Ruhe und Selbstbeherrschung. Ebenso entwickelt sich beim Spiel ein starker Sinn für Recht und Ordnung, denn trotz der starken Freiheit des Einzelnen ist die unbedingte Unterordnung unter das Gesetz, die Spielregel, oder unter den Befehl des selbstgewählten Führers unerlässlich. Im Spiel kann und wird sich mit Leichtigkeit jener Gemeinsinn bilden, der für das Leben in Staat und Gesellschaft so überaus wertvoll ist."

Wenngleich in erster Linie die Bemühungen um die körperliche Ertüchtigung den männlichen Jugendlichen (und damit den späteren Erwerbstätigen bzw. Soldaten) galten, wurde schon 1894 die Wichtigkeit der Leibesübungen auch für Mädchen hervorgehoben:

"Dabei darf vor allem nicht das weibliche Geschlecht vergessen werden; gerade unter den Mädchen unserer Städte sind die wirklich gesunden und frischen beinahe schon Ausnahmeerscheinungen geworden; die moderne Erziehung, der Klavier- und Mal-Unfug, die unnatürliche Kleidung und Geselligkeit haben Hysterie und Bleichsucht in erschreckender Weise vermehrt."

1906 heißt es in einer Einladung des Zentralausschusses zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland:

"Es ist eine eigenartige Erscheinung in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, daß verhältnismäßig so wenig Gewicht auf die kräftige Ausbildung des weiblichen Geschlechts gelegt wird. Das Deutsche Reich bedarf gesunder Kinder, gesunder Frauen. Darum heraus auch mit unserer weiblichen Jugend in die freie Luft und den Sonnenschein zu kräftigem Bewegungsspiel! Diese Mahnung hat wohl überall Erkenntnis, aber noch viel zu wenig praktische Nachachtung gefunden."

Inmitten der von mitgliederstarken Turn-, Krieger- und Gesangsvereinen geprägten städtischen Vereinskultur erschienen Fußballclubs zunächst als Fremdkörper, da sie eine als unkonventionell geltende Freizeitbeschäftigung pflegten und dabei sogar öffentliches Ärgernis erregten. So monierte im Jahr 1914 der Bürgermeister von Einbeck in einem Rundschreiben an die Fußballvereine, dass die Spieler "den Weg vom Vereinslokal durch die Stadt nach dem Tummelplatze und umgekehrt mit vollständig entblößten Beinen zurückgelegt haben" und drohte "empfindliche Strafen" an.

Die Konflikte mit den Behörden waren nicht zuletzt auf das jugendliche Alter der Fußballanhänger zurück zu führen, deren Verhalten sich oftmals außerhalb der bürgerlichen Konventionen bewegte. Auch wegen Verletzung der Sonntagsheiligung kam es häufig zu Auseinandersetzungen zwischen Fußballvereinen und örtlicher Polizei.

Seit den 1890er Jahren forderte der Zentralausschuss für Volks- und Jugendspiele - eine Vereinigung bürgerlicher Sozialreformer - die Städte in einer groß angelegten Werbekampagne dazu auf, die "öffentlichen Feste des deutschen Volkes zeitgemäß zu reformieren."

So sprach der Görlitzer Gymnasialdirektor Dr. Eitner 1890 in: "Die Jugendspiele - ein Leitfaden bei der Einführung und Übung von Turn- und Jugendspielen" diese Gründe an:

"Es ist eine nicht hinwegzuleugnende Thatsache, daß unsrer Jugend die Neigung und die Fähigkeit, sich harmlos dem Spiel hinzugeben, abhanden gekommen ist, und doch bedarf sie desselben als eines durch nichts andres zu ersetzenden Mittels, um sich geistig und körperlich gesund zu erhalten. Die Freunde der Jugend, vor Allem die Erzieher derselben, sollten es daher nicht verschmähen, ihre Mitwirkung bei dieser ernsten und wichtigen Angelegenheit freudig zuzusagen. Kommt doch, was wir für das Wohl der Jugend thun, dereinst dem Vaterlande zu gute."

In dieser Schrift werden verschiedene Ball-, Kampf- und Laufspiele beispielhaft dargestellt, unter Anderem auch "Räuber und Gendarm", "Belagerungsball", "Schwarzer Mann", "Ritter und Bürger", "Kriegs- und Belagerungsspiel", die typischen Ballspielarten wie Fußball, deutscher Schlagball (Baseball), Prellball, Treibball, aber auch Reigen für 20 - 64 Personen wie "Ich hatt´ einen Kameraden", "Nun ade, du mein lieb Heimatland" und "Hurrah, Germania!".

Trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit der Fußballanhänger gegenüber den alteingesessenen Turn- und Schützenvereinen gelang es ersteren oftmals, bei Veranstaltungen das Interesse der Zuschauer auf sich zu ziehen.

Erst nach der Jahrhundertwende begann sich der Fußball zum Zuschauersport zu entwickeln. Dies hatte zur Folge, dass vereinzelt auch die rasch wachsenden Fußballclubs bei städtischen Festen eine tragende Rolle einnahmen.

Insbesondere bei der Suche nach Sportplätzen waren die Fußballvereine auf das Wohlwollen der Stadtverwaltungen angewiesen. In den dicht besiedelten Städten fiel es den Vereinen schwer, unbebaute Flächen zu finden.

In der Schrift "Die Deutsche Jugendspielbewegung" von 1911 heißt es:

"Eine der allerschwierigsten Aufgaben, vor die sich der Zentralausschuss gestellt sah, war die Fürsorge für geeignete, geräumige Spielplätze. Zumal in den schnell anwachsenden Städten war der Preis für den Grund und Boden im letzten Jahrzehnt so sehr in die Höhe gegangen, daß für den Stadtsäckel die Kosten für Anschaffung größerer Flächen zu solchem Zwecke fast unerschwinglich schienen und leider war im Laufe der vorangehenden Jahrzehnte so mancher Spielplatz der Jugend einer ungezügelten Bauwut zum Opfer gefallen."

Die sogenannte Spielplatzfrage - erst in den Jahren vor Kriegsbeginn begann sich der Begriff Sportplatz durchzusetzen - wurde rasch zum Politikum, da es sich bürgerliche Sozialreformer zum Ziel setzten, die Ausbreitung von Bewegungsspielen unter der Stadtjugend zu fördern. Einerseits erhofften sie sich dadurch, den durch die rasche Verstädterung hervorgerufenen gesundheitlichen Gefahren entgegenzuwirken. Andererseits wollten sie durch Förderung nützlicher Freizeitvergnügungen die viel beklagte Verwahrlosung der Jugend bekämpfen. Zunehmend forderte auch das preußische Militär dazu auf, sogenannte Volkssportarten wie Fußball oder Leichtathletik zu unterstützen, um die Gesundheit und vor Allem die Wehrkraft der Jugend zu steigern.

Schon in der Einladung zum Deutschen Kongress für Volks- und Jugendspiele 1905 heißt es:

"Auch hat die auf der Berliner Schulkonferenz im Dezember 1890 bekundete Mahnung des Deutschen Kaisers: 'Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für die Landesverteidigung erwächst' weite Kreise des deutschen Volkes zur Einkehr aufgefordert und ernst ihren Blick auf die Erhaltung der Wehrkraft des Landes gerichtet. (...) In der richtig geleiteten Pflege all dieser Betätigungen erblickte er zugleich eine hohe vaterländische Aufgabe: nämlich die Erhöhung der Wehrkraft unseres Volkes. Ein besonderer Wehrausschuß behandelt die Frage, wie die Leibeserziehung der Jugend am besten zu gestalten sei, sodaß dem Vaterlande stetig ein kräftiger wehrhafter Nachwuchs gesichert bleibe."

In der Einladung des Kongesses im Jahr 1909 findet sich folgende Aussage:

"Von der großen Lehrmeisterin der Menschheit, der Weltgeschichte, können wir lernen, daß, wo uns ein Volk in seiner vollen Blüte entgegentritt, körperliche Übungen in ihm Volkssitte waren, und daß ein Verfall allgemeiner Leibesübungen den Verlust seiner herrschenden Stellung einleitete. Auch unser deutsches Volk ist nicht allein durch die hervorragenden geistigen Leistungen zu seiner jetzigen Machtstellung gelangt, sondern wesentlich durch seine kriegerische Kraft und Tüchtigkeit, und es wird, wenn wir ein großes Volk bleiben wollen, vor allem andern darauf ankommen, unsere Wehrkraft auf die Dauer ungeschwächt in allen Schichten der Bevölkerung zu erhalten."

Der in den Jahren vor Kriegsbeginn einsetzende, wesentlich durch die bevorstehenden Olympischen Spiele im eigenen Land geförderte Sportboom (die Vergabe der Olympischen Spiele 1916 war auf Berlin gefallen) hatte zur Folge, dass viele Städte ihre distanzierte Haltung gegenüber dem Fußball änderten, zumal dieser bis zum Jahr 1914 mit fast 200.000 Mitgliedern in über 2000 Vereinen zu einer überaus beliebten Sportart wurde.

 

Quellen: Stadtarchiv, Best. A 2 Nr. 1107
Denzel, J.: Die Stellung der Kommunen zum Fußball im deutschen Kaiserreich, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte, Heft 1/2006

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